Endstufe & Die Wohlgesinnten

3. August 2009 | Von | Kategorie: Bücher

Warum sich über Bücher äußern, die bereits vor fünf bzw. einem Jahr erschienen sind? Der Grund ist einfach: Ich habe sie nicht früher wahrgenommen. Das heißt, die Wohlgesinnten hatte ich – noch in Weimar – kurz einmal in der Hand, konnte mich seinerzeit aber nicht durchringen, es auch zu lesen.

Etwas später sind wir in der Radiosendung über Kuhls Kosmos auf Thor Kunkel und damit auch auf Endstufe gekommen. Christinas Worte, “Vorsicht vor diesem Typen, der schreibt für die Junge Freiheit und da war auch mal was mit einem Naziporno..” haben Fragen aufgeworfen. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass Frank Nowatzki [Puplmaster] Überzeugungstäter veröffentlichen würde. Ich wollte es also genauer wissen.

Über Endstufe kam ich zu den Wohlgesinnten. Beide Romane haben in Inhalt und Stilistik Gemeinsamkeiten, aber in der Kritik zum Teil völlig gegensätzliche Reaktionen ausgelöst, die an anderer Stelle bereits Thema waren. Beide haben versprochen, durch die Erzählung aus der Täterperspektive, eine völlig neue Innensicht des III. Reichs zu liefern und beide verwenden pornographische Elemente. Heute, nach der Lektüre und dem Studium der Reaktionen, scheint mir das Thema auch ein Lehrstück über Literaturkritik zu sein.

Kunkels Buch ist – bis auf ganz wenige Ausnahmen – von der Kritik, mit zum Teil drastischen Worten, vernichtet worden, wogegen die Reaktionen auf die Wohlgesinnten zwar nicht einmündig, in der Summe aber bedeutend positiver ausfielen. Woran liegt das? Ich glaube, Endstufe ist am eigenen Anspruch und am Marketing gescheitert. Wer mit diesen Themen an die Öffentlichkeit geht, kalkuliert den Widerspruch mit ein.

Betrachtet man die Geschichte als – gar nicht mal schlechte – Räuberpistole, hätte diese unter anderen Umständen durchaus positivere Reaktionen (wie im Moment Tarantinos Inglorius Basterds) zeitigen können. Das war nach den vollmundigen Ankündigungen von Verlag und Autor wohl nicht mehr möglich.

Im Klappentext wird Kunkel mit folgenden Worten zitiert: “Ich glaube, es ist wichtig, das Dritte Reich unter dem Aspekt der Verführung und Verblendung zu sehen. Ich benutze die Pornographie als poetische Metapher, um das Phänomen Drittes Reich vollständig zu erfassen. Ich zeige den Intimitätsverlust und die Perversion, die der Faschismus beinhaltet.”

Verführung? Ich kann in Endstufe keine Verführten entdecken. Selbst Karl Fußmann, der seinen Obsessionen unterliegt, ist kein klassischer Verführter. Kunkels Personal besteht aus Zynikern, Nihilisten, Egomanen und Verrückten, die den Nationalsozialismus bestenfalls als günstige Rahmenbedingung für die Verfolgung ihrer eigenen Ziele betrachten. Sie glauben an nichts, nichts ist ihnen heilig. Für die Erkenntnis, das es keinen tieferen Sinn im Leben gibt, und die meisten Menschen hauptsächlich mit der Suche nach dem eigenen Vorteil beschäftigt sind, hätte es das III. Reich nicht einmal zwingend als Hintergrundrauschen gebraucht.

Insbesondere der Satz Fußmanns, dass Humanismus nicht funktioniere, weil der Mensch nicht human ist und sein Sinnieren darüber, ob der technokratische Faschismus in Deutschland letztlich nur eine Vorstufe des amerikanischen Imperialismus war, haben für Aufregung gesorgt. Dabei ist dieses Motiv nicht neu. Natürlich hört das keiner gern, aber warum nicht zumindest einmal darüber nachdenken? Ich kann den Vorwurf, der Relativierung nicht nachvollziehen und finde den Umgang der Kritik mit Endstufe überzogen. Es macht auch keinen Sinn, darüber zu diskutieren, wie gut oder schlecht der Autor recherchiert habe. Ob die Sachsenwald-Filme tatsächlich aus der 40er Jahren stammen oder nicht, spielt für die Geschichte eigentlich keine Rolle.

Dabei hat Endstufe durchaus seine Momente, so in der einleitenden Vision Dr. Pfisters des zukünftigen Berlin, oder im Widerwillen Gessners gegen die Geschwindigkeit, mit der sich die Deutschen nach der Niederlage an die neuen Gegebenheiten anpassen. Gelungen auch die Sequenz, in der die Amerikaner – dem als SS-Mann enttarnten Gessner – anbieten, jetzt für sie Pornos zu drehen. Alles natürlich im Nahmen der Aufklärung und der Umerziehung des von rassischer Ideologie verseuchten deutschen Volkes. Ganz nebenbei lässt sich damit sicher auch der ein oder andere Dollar verdienen? Alles in Allem würde ich sagen: Dumm gelaufen! Endstufe ist trotz einiger Schwächen lange nicht so unmöglich wie behauptet.

Ein wenig anders liegen die Dinge im Fall von Littells Wohlgesinnten. Das Buch war bereits in Frankreich ein großer Erfolg und wurde schon vor der deutschen Veröffentlichung [vor allem von der FAZ] als literarische Sensation lanciert. Es handelt sich um die fiktiven Memoiren des SS-Obersturmführes Max Aue. Man kann das Buch grob in zwei Ebenen aufteilen: Den an tatsachlichen Ereignissen orientierten Erlebnissen Aues, sowie seinen inneren Konflikten.

Letztere sind der häufigste Kritikpunkt und auch mir ist nicht immer klar, worauf Littell damit hinaus will: Das inzestuöse Verhältnis zur Schwester, eine auf reine Triebbefriedigung ausgerichtete Homosexualität, der Hass auf die Mutter und ihren neuen Mann, seine obsessiven Fantasien, die Unfähigkeit Befriedigung zu empfinden, ständige Zweifel – Aue ist zweifellos ein Getriebener, aber wovon und in welcher Beziehung steht das zu den Ereignissen?

Littlell macht kein Geheimnis daraus, die Wohlgesinnten greift das Thema der Orestie auf, die Entwicklung einer systematischen, von Instanzen – nicht Individuen – getragenen Justiz. Wie aber die Schuld des Einzelnen beurteilen, wenn das ganze System pervertiert ist? Das bleibt wohl auch weiterhin eine der zentralen Fragen in der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und es ist gut, dass es darauf keine einfache, mustergültige Antwort gibt. Jeder muss sich selbst damit auseinandersetzen, und eine eigene Position finden.

Eine so angelegte Geschichte bietet weiten Raum für Interpretationen. Das ist auch ausgiebig getan worden. In der Kritik ist mal dieser, mal jener Punkt betont worden. Gut, dass sich keine Lesart durchsetzen konnte. Was man Littell auf jeden Fall attestieren muss, ist die immense Recherchearbeit, die dem Schreiben voran ging. Im Gegensatz zu Kunkel, dessen Protagonisten Deutschland nur für Nebenkriegschauplätze [Afrikakorps] verlassen haben, schickt Littell seinen Mann mitten rein: Frühes NSDAP Mitglied, dann SS und SD, Einsatzgruppe, Stalingrad, persönlicher Stab Reichsführer SS, Sonderbeauftragter zur Verbesserung der Arbeitsleistung der KL und Verbindungsmann zum Rüstungsministerium – bis zum Ende wird wenig ausgelassen. Aue trifft oft auf reale Persönlichkeiten wie Ohlendorf, Eichmann, Himmler oder Speer und die Zeichnung dieser Charaktere lässt ebenfalls eine umfangreiche Beschäftigung mit der Materie erkennen. Eichmann bei Littell und Eichmann bei Hanah Arend – das ist kein Widerspruch.

Was die Schilderung realer Ereignisse betrifft, hat ein Roman naturgemäß andere Möglichkeiten als ein rein historisches Werk. Gut gemacht, kann der Roman ein viel eindringlicheres Bild vermitteln. Das ist, man muss es so sagen, den Wohlgesinnten gelungen. Die Schilderung des Wahnsinns innerhalb der Einsatzgruppen ist mir auf alle Fälle nah gegangen. Da musste ich schon mal eine Pause einlegen. Ich wüsste auch nicht, wo das in dieser Form noch so beschrieben ist.

Um also mal ein Fazit zu formulieren: Ich konnte beiden Bücher nicht uneingeschränkt folgen, bin aber froh beide gelesen zu haben. Für Denkanstöße sind beide gut und darauf kommt es – zumindest mir – an. Näher an der Thematik sind die Wohlgesinnten, einfach wegen der Integration von Unmengen historischer Fakten. Das Versprechen vom Anfang, eine neue Innensicht zu liefern, haben beide nicht eingelöst. Ich glaube auch nicht, dass das so ohne weiteres möglich ist. Den typischen Nazi – sollte es den geben – haben beide nicht im Angebot und wahrscheinlich wäre eine Beschäftigung mit dieser Sorte Mensch literarisch nicht sehr ergiebig. Opportunisten sind nicht besonders interessant.

Wir sehen aber auch, wie sehr sich der Typus vom gebildeten Verbrecher in den Köpfen hält. Die SS ist – mit ihrem hohen Anteil an Akademikern – immer noch interessant, Faszination und Grund zum Zweifel zugleich. Der tumbe Totschläger bekommt selten gute Geschichten. Die Literatur ist voll von gebildeten Superverbrechern, die sich über Recht und Moral hinweg setzen. Diese Figuren sind interessant, man könnte deshalb dem Umstand durchaus eine philosophische Dimension beimessen.

Was das III. Reich anbetrifft, ist jedoch noch immer ein Unvermögen in der Akzeptanz des Fakts zu spüren: Wie konnten gebildete Menschen so etwas tun? Da wären uns geistesgestörte oder dumme Täter doch viel lieber, oder? Ist hier ja die Frage nicht weit, wie hätte ich mich verhalten?

Warum die Kritik letztlich so reagiert hat, wie sie es tat, vermag ich auch nicht zu sagen. Ich hatte stellenweise den Eindruck, dass sie sich mehr mit dem Marketing eines Buches auseinandersetzt als mit dem Werk selbst. Vielleicht ist meine Vorstellung romantisch, aber ernst gemeinde Kritik sollte den mündigen Leser zum Ziel haben. Sie sollte Interpretationsansätze liefern, ohne Dogmen zu formulieren. Sie sollte ein Werk ins Verhältnis zu anderen setzen, um uns neue Blickwinkel zu zeigen. Auf keinen Fall brauche ich jemanden, der mir sagt, wie ein Buch zu lesen und zu deuten sei. Natürlich ist es erlaubt, die eigene Meinung mit Nachdruck zu vertreten. Dabei sollte man aber stets im Auge behalten, dass eben auch andere Standpunkte zulässig sind. Ich mag nicht über Nebensächlichkeiten streiten und ich möchte auch nicht der intellektuellen Selbstbeweihräucherung irgendeines Rezensenten folgen!

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