Quo Vadis?
13. September 2009 | Von andré | Kategorie: Voice Your OpinionSonntagmorgen, nach dem Frühstück, am Fenster ziehen dicke graue Herbstwolken vorbei und die Stereoanlage spielt Chuck Ragan: Dieser spezielle Sonntagmorgencharme ist selten geworden in einer so hektischen Zeit wie der unseren. Wer, wie ich, in Schichten ohne Schichtrhythmus arbeitet, der hat es ohnehin schwer, sich innerhalb der Woche zurechtzufinden. Viele von uns haben es aber auch ständig so eilig, dass sie unfähig sind, besondere Augenblicke auch als solche zu erkennen und bewusst zu genießen.
Mir soll der Moment recht sein, um etwas ins Blog zu schreiben. Wo fangen wir an? Die Nation sieht voller Spannung auf das Kanzlerduell heute Abend. Im Radio reden sie von nichts anderem mehr. Natürlich werde ich bei Gelegenheit auch reinschalten, bis dahin aber habe ich meine Zweifel, ob der Medienrummel gerechtfertigt sein wird, und wir der angekündigten spektakulären Offenbarungen tatsächlich teilhaftig werden können. Offen gesagt, war ich noch vor keiner Bundestagswahl so ratlos wie vor dieser.
Ich weiß wirklich nicht, wem ich meine Stimme geben sollte. Wie immer das kleinere Übel wählen oder wahltaktische mathematische Erwägungen zugrunde legen? Im Moment tendiere ich am ehesten dazu, meinen Wahlschein ungültig zu machen. In dem Fall wird die Stimme wenigstens gezählt und zementiert nicht den Satus Quo, weil bei geringerer Wahlbeteiligung die Stimmen der Stammwähler höher ins Gewicht fallen.
Aber, es ja noch viel schlimmer: Meine Entschlusslosigkeit bei dieser Wahl ist auch Ausdruck einer gewissen Orientierungslosigkeit bezüglich meines generellen politischen Standpunktes. Natürlich, wir haben uns immer links gefühlt. Aber was bedeutet das heute? Sehe ich mir die Linkspartei so an, fühle ich mich nicht heimisch. Gibt es doch auch dort genauso viel Machtkalkül, Befindlichkeiten und Grabenkämpfe wie überall. Kompetenz und Wirrköpfigkeit steht in keinem anderen Verhältnis zueinander, wie in jeder anderen Partei, allerdings sind die Wirrköpfe hier manchmal extremer.
Ich bin in der DDR aufgewachsen, konnte mir also aus der Nähe ansehen, wie sozialistische Ideen in der Praxis funktionieren. Hannah Arendt hat diese Zusammenhänge besser analysiert als ich es könnte – lest also dort, wenn es euch interessiert.
Fakt ist eins: Der Minimalkonsens einer Gesellschaft sollte lauten, der Einzelne muss eine Wahl haben und seine persönliche Freiheit endet da, wo die des anderen Beginnt. Damit dieses Prinzip funktionieren kann, braucht es neben klaren Vorstellungen von Freiheit und Rechten, auch ein Gespür für die eigenen Pflichten [Dabei meine ich nicht einmal die große und pathetische Pflicht dem Gemeinwesen gegenüber, sonder schon die einfach kleine Pflicht an seinem Nebenmann!], Verantwortung und Vernunft.
Allerdings haben sowohl die Philosophie als auch die Wissenschaft dem Menschen bestätigt, dass er genau damit Probleme hat. Diesen Gedanken konsequent zu Ende denken, hieße über kurz oder lang beim Nihilismus anzukommen. Genau dass möchte ich aber auch nicht! Ihr seht, ich bin ratlos!
Eine politische Idee sollte also von zwei einfachen Überlegungen ausgehen. Wie sollte eine Gesellschaft aussehen und was können wir in ihr überhaupt erreichen? Der zweite Punkt wird leider häufig außer Acht gelassen, oder von aberwitzigen Fiktionen überdeckt. Gesellschaft muss ein Kompromiss bleiben, man kann es niemals allen Recht machen. Und genau dort sehe ich die große Herausforderung, einen Zustand anzustreben, der diese Balance schafft, ohne Minderheiten auszugrenzen.
Huch, schwere Gedanken für einen Sonntag – besser ich hör jetzt auf. Bis die Tage!
