My Own Private Kulturspiegel

23. November 2009 | Von andré | Kategorie: Voice Your Opinion

Ein paar ereignisreiche Tage liegen hinter mir. Ich denke, für das meiste reicht ein kurzer Überblick. Zwei, drei Sachen verdienen ein paar mehr Worte. Bevor ich aber das Programm abarbeite, sei noch eben die Frage beantwortet, warum tingelt der Bornemann von Veranstaltung zu Veranstaltung? Und warum – zur Hölle – muss er das auch noch so betonen.

Man könnte durchaus reine Geltungssucht dahinter vermuten, also da wo jener die berühmten Fotos [mein Haus, meine Auto, meine..] aus der Tasche zieht, exerziert ein anderer das mit Eintrittskarten durch? Oder vielleicht zwanghaftes Verhalten? Ich muss dabei sein? Gesehen werden? Sollte dem so sein, habe ich es bis jetzt nicht bemerkt. Allerdings, versucht doch einmal einem psychisch Kranken seine Situation zu erklären. Ihr macht mich also darauf aufmerksam, wenn es ins Groteske kippt?

Hier der offizielle Grund: Natürlich könnten wir unsere, über die Befriedigung der Grundbedürfnisse hinaus zur Verfügung stehenden Mittel, in die Rate für ein hübsches Reihenhaus oder einen schicken Mittelklassewagen investieren, mal richtig dufte Pauschalurlaub machen, uns teure Gewänder kaufen, etc.

Irgendwie sind wir aber zu der Überzeugung gelangt, dass nur Erinnerung und Erfahrung wirkliche krisenfeste Währungen sind. Alles andere kann so schnell gehen wie es kam. Eigentlich stellen wir uns diese Fragen auch nicht: Da ist eine interessante Veranstaltung? Lass uns hingehen – so einfach. Und nebenbei erwähnt, das über die Grundbedürfnisse Hinausgehende, würde sich höchstens – wenn überhaupt – in einer Gartenlaube oder einem alten Opel manifestieren lassen. Dann doch lieber raus und unter Menschen und überhaupt, dass ist ja nicht jeden Monat so..

Auftakt: Rise Against in der Phillipshalle 10.11.
Hier wäre ich von allein nicht unbedingt hingegangen. Die Karte war aber ein Geschenk und Nichterscheinen wäre somit unhöflich gewesen. Außerdem kann ich von den Support-Bands, Poison The Well und Thursday, letzteren durchaus etwas abgewinnen. Von Rise Against hatte ich nur rudimentär Kenntnis.

Also Jens getroffen, rein in die S-Bahn und zur Halle. Die Philippshalle ist groß und unansehnlich, etwas steril auch aber zweckmäßig und war, mit den üblichen Verdächtigen, bereits gut gefüllt. Das Durchschnittsalter scheint etwas über dem in Erfurt gelegen zu haben. Zumindest sind dem Thomas dort vermehrt betont lockere Teenager aufgefallen. Hier war das eher durchmischter.

Das Konzert war nicht schlecht, das heißt Rise Against sogar richtig gut. Natürlich war der Headliner wieder lauter und hatte die größere Lichtshow. Diese Verfahrensweise ist mir dort bereits bei Social Distortion aufgefallen. Aber vielleicht liegt das ja im Gebaren der Hallentechniker begründet. Wer weiß? Kein schlechter Abend, ich habe mit netten Leuten geplaudert, hatte meinen Spaß. Der Sound war den ganzen Abend sehr gut, besonders – wie erwähnt – bei Rise Against, die original wie von Tonträger klangen. Alle Beteiligten haben sich dann auch darum bemüht, den Ansprüchen, dessen was man gemeinhin von einem solchen Konzert erwartet, gerecht zu werden. Show eben – aber schön!

Jetzt könnte man zufrieden nach Hause gehen, müsste der passionierte Grandler in mir nicht geradezu notorisch auf den Wehrmutstropfen fokussieren. Der lag hier im deutlich erkennbaren Voranschreiten einer Entwicklung, die unter moderner Ikonographie subsumiert werden könnte: Die Dinge bedeuten nichts mehr. Man kann Rise Against ihren Erfolg neiden, aber auch dann muss man anerkennen, dass sie nicht einfach nur banale, sondern durchaus system- und sozialkritische Texte haben und ihr Pathos dafür geschickt einzusetzen wissen. Allerdings, und das war offensichtlich, interessiert das keine Sau mehr. Botschaft = Beiwerk = Accessoire? Auf jeden Fall scheint der schöne Satz von Sholastic Deth „The Revolution Will Not Be Posted On Ebay“ erheblich an Strahlkraft eingebüßt zu haben.

“E Büttsche Bonktes” Teil 21 mit Claus von Wagner, Toni Mahoni und Hans Gerzlich – Albert-Einstein-Forum Kaarst 13.11.

Wir waren einigermaßen erstaunt, die Ankündigung dieses Abends zu lesen. Kaarst? Das ist uns nicht eben als Zentrum der Hochkultur ins Gedächtnis eingeschrieben. Und wer weiß, hätte ich nicht eine Zeit lang auf dem Weg zur Arbeit das Autobahndreieck gleichen Namens passieren müssen, vielleicht wäre mir nicht bewusst gewesen, dass uns nur 20 Minuten Autofahrt von diesem schönen Flecken Erde trennen und der Besuch dieser Veranstaltung durchaus im Bereich unser Möglichkeit liegt. Letztlich ist es aber genau so gekommen und damit alles gut.

Allerdings war es nicht ganz leicht, Karten zu erhalten. Diese Veranstaltungseihe ist sehr beliebt und das Albert-Einstein-Forum bei diesen Gelegenheiten zu einem guten Teil mit Dauerkartenbesitzern gefüllt. Die erste Anfrage brachte also nur ein nicht gerade viel versprechendes „Ausverkauft! Aber wir nehmen sie auf die Liste und rufen sie an, falls jemand seine Karte zurückgibt.“ Dieser Anruf kam nie. Es war an uns, erneut nachzufragen und die Teilnahme damit noch bis zum Morgen diesen Tages unsicher.

Ist alles gut gegangen! Ob dieser Wirrungen war uns allerdings nicht wirklich bewusst, dass es sich hierbei um einen „bunten“ Kabarettabend handelt, wir also zunächst die Performance von zwei – in diesen Tagen so beliebten – Stand Up Comedians zu passieren hätten.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Mehrheit der Anwesenden das auch so gesehen hat, aber die beiden waren nicht der Rede wert: Ein Ingo Apelt für noch Ärmere als das Original und ein – zwar sympathisch aber zerfahren wirkender – junger Mann, der mit dem Versuch, seiner dreijährigen Tochter Politik anhand einer Allegorie zur Weihnachtsgeschichte zu erklären, grandios gescheitert ist.

Toni Mahoni

Sei’s drum, deswegen waren wir ja nicht hier. Wir wollten Toni sehen! Den könnte man als sehr sympathische Mischung aus Zille, Döblin und Tom Waits beschreiben. Er hat sich in unseren hektischen Zeiten den Blick für die wichtigen Dinge im Leben bewahrt: Kaffee! Zigaretten! Fleisch! Ostsee! Bei sich selbst und mit Freunden sein! Kein von den üblich-dominanten Erwägungen unserer Zeit [Schnell, Schnell, Billig, Billig, Korrekt, Korrekt] diktierter Gedanke trübt seinen Blick. Vorgetragen wird das in breiten Berlinerisch zu einer Art Kaffeehausmusik. Eigentlich kann man das nicht beschreiben, man muss es sehen.

Und wie er dann das Auditorium betritt, ist der anwesende Kaarster erst einmal ratlos. Die Musiker sehen aus, wie Kaffeehausmusiker aussehen: Feiner Zwirn – schwere Instrumente. Toni sieht aus wie Toni aussieht: Schlapperhose, AEROFLOT T-Shirt, Sweatjacke, Strohhut. Es gibt trotzdem vorsichtigen Applaus. Im Verlauf des Abends – ich darf das an dieser Stelle vorwegnehmen – wird er sie alle noch bekommen. Man nimmt also Platz: Toni zentral an einem Tischchen bei einem Bier, die Band um ihn herum. Wir hören die Erlebnisse des Tages, eine Reflexion über das schöne Kaarst und mit „Sonne“ dann auch das erste Lied. Ich bin fasziniert, gleichermaßen vom Geschehen auf – und den Reaktionen vor der Bühne. Der Ton ist super im Einstein-Forum und Toni souverain!

Um uns herum sitzen viele ältere Damen und Herren und die wissen zunächst nicht, wie sie den Typ da auf der Bühne, der da auch noch in so einem komischen Dialekt spricht, einschätzen sollen. Das was der da über Kaarst sagt, ist das jetzt nett gemeint oder Spott? Man weiß es nicht, ich auch nicht, will es auch nicht genau wissen, Spaß macht es auch so! Entsprechend Still ist es im Publikum und manchmal sehe ich so etwas wie Entsetzen in den Augen meiner Sitznachbarn. So zum Beispiel als sich Toni doch tatsächlich auf der Bühne eine Zigarette anzündet, um kurz danach ein Lied mit diesem Titel zu intonieren.

Ein paar Mal bin ich mir nicht sicher, in welche Richtung die Reaktionen kippen werden. Doch nach der Veranstaltung, als ich vor der Tür noch eben eine Zigarette rauche, künden die Gesprächsfetzen, deren ich habhaft werde, ausschließlich von positiven Resümee und Begeisterung. Seltsames Völkchen diese Kaarster. Aber: Super gemacht!!

Zum Programm: Den Schwerpunkt bilden Lieder der letzten Platte „Allet is eins..“. Dazu hören wir ein paar neue Stücke, wie das englische „Spanish Puta“ oder das großartige „Übereugen“. Hinterher verrät mir Toni noch kurz, dass die Arbeiten an einer neuen CD abgeschlossen sind und diese wahrscheinlich im Februar erscheinen wird. Ich freu mich drauf und wenn er im April im Savoy auftritt, sind wir selbstredend dabei!! – Rinjehaun!!

Übrigens war am selben Abend auch Udo Jürgens in der Philippshalle zu Gast. Allerdings war das ausverkauft und viel zu teuer. Bei angenommener identischer Ausgangslage wäre das sonst keine leichte Entscheidung gewesen. Sicher, Udo Jürgens ist nur bedingt in einem subkulturellen Kontext wahrzunehmen. Nun bin ich kein Anhänger der These „Was auch von uncoolen Menschen gemocht wird und irgendwie Mainstream oder erfolgreich ist, sei per se abzulehnen..“. Ich finde, für das was er ist, ist der Mann eine verdammt coole Sau und meilenweit entfernt vom Gros der Schlageraffen. Basta!! ;-]

Peter Stamm & Roseliene Luduvico 17.11. Heinrich-Heine-Buchhandlung
Jürgen Kuttner & Rayk Wieland 18.11. Zakk

[Das würde ich doch gerne separat erwähnen und werde es nachreichen..]

Morrissey 19.11 Stahlwerk
Hier ein schönes Beispiel dafür, dass Mythenbildung in der Regel eine recht unergiebige Angelegenheit ist. Klar, Morrissey ist eine Klasse für sich und da der sich in der Vergangenheit eher rar gemacht hat, waren seine Konzerte oft so eine Art Klassentreffen. Leute, die sich in dieser Konzentration lange schon nicht mehr gesehen hatten waren glücklich dabei, mit Tränen in den Augen über alte Zeiten zu schwadronieren. Das dann noch mit dem Soundtrack zur eigenen Jugend begleitet, was will man mehr?

Kommt der Mann aber zum zweiten Mal in einem Jahr, hätte das einen schon stutzig machen sollen. Kein gutes Omen auch, dass die – optimistisch in die Philippshalle gebuchte – Veranstaltung ins wesentlich kleinere Stahlwerk verlegt wurde. Die Rheinische Post sprach hernach von 1.300 Besuchern und konnte dem divenhaften Rumgezicke vom Mozmaster noch Positives abgewinnen. Die Rezension hatte durchaus einen wohlwollenden Tenor.

Ich indes vermag das nicht so sonnig zu sehen. Trotz recht spätem Erscheinen, vor einem Konzert noch Schlange stehen? Wann hatten wir das zuletzt? Aber egal! Nach 20 Minuten und der Durchquerung eines Labyrinths aus Vorräumen, waren wir dann am Ort des Geschehens. Der wiederum ist gar nicht mal schlecht: Recht dunkel, vielleicht etwas zu lang gezogen, aber insgesamt nicht ohne Atmosphäre. Doll and the Kicks waren bereits am Wirken, aber außer dem Verweis auf die – sagen wir – suboptimal ausgewählte Garderobe der Sängerin, gibt es in dieser Hinsicht meinem Bericht aus Bremen nichts hinzuzufügen.

Zunächst war auch alles gut. Wir hatten einen schönen Platz, ein Bier und Hörschutzstopfen. Je näher das Hauptereignis kam, umso unbequemer wurde unser Standort. Ein Drängeln und Schieben nach allen Seiten, überhaupt scheint der heutige Konzertbesuche während eines solchen Ereignisses deutlich mehr Meter zurückzulegen als noch vor 10 Jahren. Wo wollen die nur immer alle hin? Bier holen? Einen besseren Platz finden? Für Leute wie uns, die nicht so sehr mit Körpergröße gesegnet sind, keine wirklich schöne Situation. Darum haben wir uns nach 3 Songs ans hintere Ende der Halle begeben. Hier konnte man schon besser stehen, der Sound aber blieb indifferent und kraftlos. Man muss es so sagen! Aus den Boxen kam Matsch und Morrissey hatte ganz offensichtlich wenig Lust. Auftakt wie in Bremen mit „This Charming Man“ und – soweit es mir erinnerlich ist – auch sonst keine großen Veränderungen im Ablauf. Neue Songs hatte ohnehin keiner erwartet. So sehr man den Mozzer für seinen Nonkonformismus und seinen sperrigen Charme sonst verehren mag, ein Konzert für 52,30 Euro sollte diesen Preis auch irgendwie rechtfertigen. Wir jedenfalls sind etwa zur Halbzeit gegangen..

Die Aufführung von Kafkas Schloss im kleinen Schauspielhaus war leider ausverkauft. Da waren wir wohl zu optimistisch, in Bezug auf die Nachfrage. Wir haben dann Karten für die nächste Aufführung reserviert und stattdessen „Außer Atem“ gesehen…

Tja und Gestern dann Brahms erste Symphonie und Mozarts Requiem in der Matthäus-Kirche. Die liegt in fußläufiger Entfernung, keine große Sache also. In der Vergangenheit ist es mir nie gelungen, eine tiefere Beziehung zu klassischer Musik aufzubauen. Es ist nicht einmal so, dass ich sie ablehnen würde. Sie hat mich bisher einfach nicht erreicht. Trotzdem war ich neugierig. Live, so vor großem Orchester – das hätte bestimmt was für sich. Nun, hatte es auch, aber so schnell muss ich nicht wieder hin.

Die Matthäus-Kirche ist wohl erst nach dem Krieg in dieser Form errichtet und damit von gewöhnungsbedürftiger Architektur. Zweckmäßigkeit war wohl das Leitwort. Das Ambiente war also sehr sachlich, die Gesichter der meisten Besucher – dem Anlass angemessen – ernst und die Garderobe von gedeckten Farben dominiert. Rückblickend muss ich sagen, dass ich Mozart den Vorzug geben würde. Brahms war mir zu schwer.

In der Pause, als ich zurück ins Gebäude wollte, hatte ich noch eine Begegnung der dritten Art. So vor der Tür im Regend stehend, hoffte ich, dass einer der herausströmenden meinen Wunsch, ins Gebäude zurückzukehren, erkennen und mir mit einem kurzen Innehalten diesen Wiedereintritt ermöglichen würde. Nach 5 Minuten besann ich mich des geflügelten Wortes, das es Irrglaube sei, Hochmut durch Demut überwinden zu können und ersetzte die Einsicht der Herauskommenden durch eigenen Schwung. Ein älterer Herr geriet ins Straucheln und seine Frau rief ein empörtes „Hallo, Hallo, Hallo“. Und das in einem Gotteshaus, es tut mir leid – ehrlich!!

Was sonst? Nun ja, ich frage mich ein weiteres Mal, warum klassische Musik so von schweren Melodien bzw. Arrangements dominiert ist und verhältnismäßig wenig Rhythmus besitzt. Außerdem, und da machen wir uns nichts vor, war diese Musik von Anfang an elitäre Kunst für ein elitäres Publikum. Bei aller Achtung vor den Leistungen der großen Komponisten, vergessen wir doch unsere Wurzeln nicht. In meinem Fall ist das [Mir ist durchaus bewusst, dass Wort obsolet scheint und die Wenigsten sich freiwillig so nennen würden.] die Arbeitklasse!! ;-] Tja, und Proleten wie wir hätten ganz gern etwas Groove.

Bevor der Text biblische Ausmaße annimmt, breche ich an dieser Stelle lieber ab. Natürlich stehen auch für den Rest des Jahres noch Veranstaltungen auf dem Programm, aber dass ist dann schon wieder eine andere Geschichte.

Heydeehoo!!

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