Rayk Wieland – Ich schlage vor, dass wir uns küssen
7. Dezember 2009 | Von andré | Kategorie: BücherGut zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung erhält W. eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion des Vereins der Unbekannten Untergrunddichter Deutschlands: Dichter. Dramen, Diktatur. Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR. Die möchten ihn, als einen der ihren, in die Arme schließen, seine persönliche Leidensgeschichte hören. Ob er denn nicht ein paar seiner Gedichte vortragen könne?
Irrtum? Verwechslung? Scherz? W. kann sich seiner lyrischen Vergangenheit nicht erinnern. Ein Anruf beim Verein der Unbekannten Untergrunddichter Deutschlands (V.U.U.D.) bringt mehr Verwirrung als Klarheit und so muss W. selbst die Reise in die Untiefen verdrängter Erinnerungen antreten. Langsam, sehr langsam schälen sich Konturen aus den Schatten der Vergangenheit.
Ja, er hatte in den 80er eine Freundin in München, im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet also. Treffen waren nur selten möglich, dazwischen gingen Liebesbriefe hin und her. Jene hatte W. – um Zeilen zu schinden – mit Gedichten gewürzt. Texte wie sie ein Teenager eben so schreibt. Privat, etwas naiv und vielleicht ungelenk hier und da, aber auf keinen Fall Konterrevolution in Versform. Und überhaupt, er hatte diese Texte nirgends sonst veröffentlicht.
Um sich auf die Sprünge zu helfen und eher widerwillig fordert er seine Stasi-Akte an. Die nimmt sich erstaunlich umfangreich aus. Alle ihre Briefe sind hier archiviert. Mehr noch, alle Gedichte interpretiert und gedeutet. W. war in jenen Jahren Gegenstand eines ungeheuren Apparates. Beschattet, überwacht, inoffizielle Mitarbeiter wurden auf ihn angesetzt. Das alles wegen ein paar Gedichten?
Erfreut darüber, dass er mit der Akte jetzt auch alle Unterlagen für die Rente wieder komplett hat, widmet er sich also dem Studium seiner hier konservierten Vergangenheit. Erinnerungen werden wach, Anekdoten und Gesichter kehren zurück. Allerdings, und da muss er den V.U.U.D. enttäuschen, ist der Standpunkt zu dem er gelangt nicht mehrheitsfähig.
Gern würde ich wissen, wie viel Autobiographisches hier eingeflossen ist. Aber auch so: Hier ist mal ein charmant unaufgeregter Blick zurück in die DDR. Das geht, es geht ohne zu relativeren, zu bagatellisieren oder zu verklären und es macht Spaß zu lesen! Kein Sonnenallee Klamauk oder Ossi-Show, keine zu Bürgerrechtlern hochstilisierten Kleinbürger, die wieder und wieder zunächst über ihr Leid und dann über ihre Courage parlieren.
Ich will die Schicksale dieser Menschen nicht diskreditieren und auch Rayk Wieland kann man das nicht vorwerfen. Es gibt nur eben auch andere Sichtweisen. Die DDR war kleingeistig, miefig und provinziell. Ich fand damals die Montagsdemos in meiner Kleinstadt (natürlich erst sehr viel später als in Leipzig oder Berlin) eher peinlich. Für die Allermeisten war die ersehnte Freiheit in erster Line, die Freiheit zu konsumieren. Wirtschaftsflüchtlinge – so habe ich es erlebt. Da bin ich für Zeilen wie diese natürlich dankbar:
Am Nächsten Tag, dem 4. November, bei der Protestdemonstration auf dem Alexanderplatz, dieser Gelegenheit für viele, mal Luft abzulassen waren sie alle da, von denen wir befürchtet hatten, dass sie kommen würden: die normalen Leute eben. Die über Jahre und Jahrzehnte überall mitgemacht, mitgespielt und mitgelaufen waren. Im Grunde demonstrierten sie gegen sich selbst. Warum auch nicht?
Eine komische, heitere aber auch nachdenkliche Geschichte. Und hey, ich wollte die DDR auch dann nicht zurück, als ich arbeitslos war. ;-]
Autor: Rayk Wieland, geb. 1965, lernte Elektriker, studierte Philosophie, war Zeitungs-, Funk- und Fernsehredakteur und lebt als Autor und TV-Journalist bei Hamburg.
