Web 2.0 & Soziale Netzwerke – Fluch oder Segen?

27. Januar 2010 | Von andré | Kategorie: Voice Your Opinion

Diese Diskussion ist nicht neu und sie wird leidenschaftlich geführt. Die Positionen reichen von völliger Ablehnung bis zu kultischer Verehrung. Die eine Seite begründet ihre Haltung damit, dass die Verlagerung sozialer Interaktion in virtuelle Sphären das Individuum nur weiter in die Isolation treibt und damit eine Bedrohung für die Psyche des modernen Menschen sei. Der Gegenpart argumentiert: Wer nicht mitmacht ist so was von „Out of Step“ und den Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen, dass ihn genau dieser Umstand isolieren wird, seine Chancen auf beruflichen Erfolg beschneidet und ihn zu einem Anachronismus macht. Zwischen diesen Extrempositionen sind alle möglichen Schattierungen denkbar, das Geschrei entsprechend groß.

Ich halte es deshalb für angebracht, voranzuschicken, dass es sich hier um meine subjektiven Erfahrungen und dem daraus resultierenden Standpunkt handelt. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, jede andere Sichtweise ist sicher ebenso berechtigt.

Es gibt sie schon länger, aber mir kommt es vor, als sei das mediale Interesse an sozialen Netzwerken im letzen Jahr gestiegen. Welche Zeitung hatte keinen Bericht über Twitter? Auch ich habe mich, wahrscheinlich nicht unabhängig von dieser Entwicklung, verstärkt damit befasst.

Es waren zunächst praktische Erwägungen, die mich veranlasst haben, meinen – schon etwas länger existierenden – VZ Account stärker zu nutzen. Seinerzeit angelegt aus Neugier, hatte der bis dahin vor sich hingedümpelt. Als ich wusste, ich würde aus Weimar wegziehen, schien es mir ein gutes Mittel um mit meinen Kollegen und Freunden in Kontakt zu bleiben. Mein- und Studi.VZ sind in meinem alten Umfeld die am häufigsten frequentierten Netzwerke. Dieser Schritt bot sich also an.

Heute – nach einem Jahr – muss ich konstatieren, dass über die üblichen Geburtstags- und Weinachtsgrüße hinaus, nur mit Personen eine sinnvolle Kommunikation stattgefunden hat, mit denen ich mich ohnehin noch gelegentlich treffe. Ein paar Anrufe hätten gewiss eine Menge Zeit gespart. Außerdem habe ich in meiner Freundesliste dort inzwischen auch Leute, denen ich auf der Straße zwar zunicke, mit denen ich außer Floskeln aber nichts austausche. Ich war zu höflich die entsprechenden Anfragen abzulehnen.

Das Sammeln einer unüberschaubaren Anzahl von Freunden, mit denen schon aus Zeitgründen keine sinnvolle Interaktion mehr möglich ist, scheint verbreitet. Ob sich jemand an der schieren Zahl berauscht und sich dann aufgewertet fühlt? Vielleicht ist es auch eine Art Wettbewerb, wer weiß? Sinnvoll scheint es mir nicht.

Ähnlich ist es mir bei Facebook ergangen. Dort habe ich mich angemeldet, um meinen Freund Greg in Kanada gelegentlich eine Nachricht zukommen zu lassen. Er antwortet dort einfach schneller als via E-Mail. Heute habe ich wenigstens 30 kanadische „Freunde“, die ich nie zuvor sah und mit Sicherheit niemals sehen werde. Die überbordenden Nachrichteneingänge sind manchmal regelrecht lästig.

Letzte Woche jedoch habe ich auf WDR5 eine junge Frau berichten hören, das ihr Facebook-Profil 1:1 ihrem reellen Freundeskreis entspricht. Auf diese Weise fällt es ihr leichter, Kontakt zu ihrem – weit verstreuten – Freunden zu halten. Ich glaube ihr das! Offensichtlich hatte sie mehr Konsequenz als ich. Allerdings war nicht zu erfahren, wie viel Zeit sie auf diese Weise verbringt und ob es nicht andere Möglichkeiten der Kontaktpflege geben hätte.

Twitter hat im letzten Jahr wohl den größten Hype erfahren. Auch ich bin angetan, von der Idee, dem Design und dem Umstand, dass man außer einer E-Mail Adresse für die Einrichtung eines Accounts nichts weiter braucht. Ich finde Mikroblogging, richtig eingesetzt, eine prima Sache. Kurze Nachrichten verschaffen einen schnellen Überblick, bei Interesse einfach den mitgelieferten Link klicken. Auf diese Weise habe ich einige nützliche Informationen erhalten und die eine oder andere Veranstaltung hätte ich ohne Twitter im letzten Jahr vielleicht nicht besucht. Dennoch, auch hier ist das Sammeln von Freunden oder besser Followern eine Art Sport und Spam hat massiv zugenommen. Der Umstand aber, der mir die Freude in letzter Zeit am nachhaltigsten vergällt, ist eine Tendenz, die ich Tweet-Posing nennen möchte: Das witzigste Sprüchlein gewinnt.

Man mag erahnen, welche Ausmaße das in der Datenflut annehmen kann. Aus meinem persönlichen Umfeld nutzen bisher nur sehr wenige Menschen Twitter, so dass ich dort hautsächlich Informationsdienste wie den vom WDR oder diverse Verlagsangebote nutze. Dem Run folgend habe ich mich auch bei Formspring.me angemeldet und bis heute dort nicht eine einzige Frage erhalten. Da scheinen sich der ein oder andere direkt selbst zu interviewen.

Viel Spaß habe ich mit Last.fm. Zur Erklärung: Mithilfe eines kleinem Programms kann man dort die Playlisten seines I-Pods oder [in Echtzeit] die seines Mediaplayers übermitteln. Diese Daten bleiben in deinem Profil gespeichert und jeder kann jederzeit sehen, was man bis dahin gehört hat oder eben gerade hört. Wenn bei Christian die kleinen Balken blinken, sehe ich das er ist zuhause und weiß, dass ich anrufen kann.

Natürlich habe ich keine Ahnung, was mit den Daten dort geschieht. Es wäre wohl naiv zu glauben, dieses Material würde nicht zu Marketingzwecken genutzt. Andererseits, wer würde aus reiner Menschenfreude einen solchen, mit Sicherheit kostspieligen, Apparat unterhalten. Ich selbst bin mitunter überrascht, wenn ich meine Playlist überblicke. Zudem kann man über die Funktion „Ähnliche Künstler“ interessante Endeckungen machen.

Vor langer Zeit, als es hieß: „Ohne MySpace Account bekommst du als Band kein Bein mehr auf den Boden.“, habe ich auch das ausprobiert, aber abgebrochen, als ich sah, was die für die Einrichtung eines Accounts alles wissen wollten.

Obwohl Google inzwischen in Verdacht geraten ist, mit dem Teufel zu paktieren, nutze ich meinen Kalender dort regelmäßig. Faktisch ist das die einzige Lösung, mit der ich zufrieden bin, die sich in alle benötigten Richtungen synchronisieren lässt. Auch hier keine Daten-Paranoia, Google kann ruhig wissen, wann ich arbeiten muss, dem Finanzamt muss ich es ja auch mitteilen…

Fazit: Soziale Netzwerke finde ich überbewertet. Ich selbst hatte keinen signifikanten Nutzen davon. Dennoch möchte ich sie nicht verteufeln, bei richtigem Gebrauch mögen sie ihre Vorteile haben. Ich bin allerdings skeptisch, ob nicht mit konventionellen Methoden der Kommunikation ein ähnliches Ergebnis mit weniger Zeitaufwand zu erziehen wäre.

Die oben genannten Extrempositionen scheinen mir ergo fragwürdig. Ich bin bis heute nicht wahnsinnig geworden [hoffe ich] und meine letzte Anstellung habe ich ganz klassisch über eine schriftliche Bewerbung bekommen. Es gibt keinen Grund sich vor dem Internet zu fürchten, man sollte sich aber über die Folgen seines Tuns im Klaren sein. Fast alles bleibt auf nicht abzusehende Zeit gespeichert. Wer also meint, er müsse diskreditierendes Fotomaterial aus seinem letzten Spanienurlaub zugänglich machen, um ein Jahr später festzustellen, dass es ihm oder ihr [bei was auch immer] hinderlich oder peinlich ist – ja, dem ist eben nicht zu helfen. Kopf anschalten, nachdenken und das Beste daraus machen.

Damit sind wir, wie in den meisten Fragen, am Ende wieder bei Paracelsus: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

4 Kommentare
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  1. Hallo André, du hast recht, das Thema ist überstrapaziert. Alle diese Services sind nur Werkzeuge wie Email, Telefon, Postbriefe, oder auch Hammer oder Schraubenzieher. Momentan sind wir allerdings alle nur noch nicht an dieses Werkzeug gewöhnt, so dass es schwerer fällt, “intuitiv” zu wissen, wann und wie wir es am besten einsetzen. Und für Verkäufer (da schließe ich Künstler ein) sind alle Kommunikationswerkzeuge schon immer sehr wichtig gewesen. Und Werkzeuge lassen sich verbinden, also für Facebook ist kaum Aufwand nötig, da man alles andere (z.B. Bookmarks oder Identica/Twitter) direkt dort reinschießen kann, automatisch. Ich selber nutze Facebook kaum manuell.

    Nur leider fehlt es momentan wirklich an etwas Sensibilität für die eigenen Daten. Ich persönlich würde mir auch wünschen, dass wir schon das Social Web 3.0 hätten, ein dezentrales Netzwerk, in welchem ich die Wahl habe, ob ich einen Service in Anspruch nehme oder mein Profil (inklusive allen Daten) selber hoste — und trotzdem mit allen anderen, die Profile bei Anbieter X, Y oder Z haben, technisch verbunden zu sein.

    Und ganz ehrlich, ich finde die Möglichkeit gut, an sehr alte Bekannte nur einen kurzen Geb.gruß übers Profil abzugeben — denn auch wenn es sehr schwer fällt, sich am Telefon länger als 2min zu unterhalten ohne in absoluten Small-Talk abzudriften, weil die Lebenswelten nach 10-15 Jahren absolut auseinanderdriften — man denkt ja trotzdem gerne zurück und möchte den Geburtstag nicht einfach übergehen.

    Dein alter Punkrock-Kollege (hoffentlich neuer Facebook-Freund) Haschek

  2. Hallo ihr Netzwerker,

    Bei mir verhält sich das auch ambivalent. MySpace weils muss, Bloggen weils Spaß macht…aber ich sehe neben den schlimmen Fingern und ihren Sauf-Orgie-Fotoalben bei welchem Network auch immer einfach ein psychologisches Problem – und das ist die Datenverarbeitung – immer mehr Informationen strömen auf mich zu und ich muss mich da einfach schützen. Den Eindruck hab ich zumindest. Den “Nachrichtenwert” von etwas bestimme ich eben meistens selbst, bzw. muss das Netzwerk wo die Parallelität dahingehend gegeben ist noch geboren werden. Noch was: Na klar ist Last.fm ne coole Idee – aber ich als habitualisierter Misanthrop denk mir dann – jetzt sieht jeder Heini was ich höre, dann schreibt mir am besten noch irgendein Tarzan, den man flüchtig kennt, “ey du hörst die und die und vor allem check mal meine Band aus”, man will den nicht vergraulen weil es den Tag geben könnte an dem man den Tarzan braucht, um etwa ein Baumhaus zu bauen, aber eigentlich will man ihm sagen: Du bist dumm. Halt die Fresse!

    Macht man aber nicht. (siehe André und seine 30 kanadischen “Freunde”)

    Ergo: Was soll ich mit den ganzen Infos? Kennt ihr nicht das Gefühl, dass das einfach zu viel ist; dass man das alles gar nicht mehr verarbeitet bekommt – ich kenn Leute die gehen dieses Jahr zu meinem Klassentreffen und müssen sich mit niemandem unterhalten – die wissen ja schon alles – Networking eben. Und dann wie ich den Satz hasse – “Nee is klar, hab ich im Netz gelesen bei (eintragen: Facebook, VZ xy etc.) bei So-und-So” – achtet mal drauf wie viel der eigentlichen Kommunikation darauf verschwendet wird darüber zu reden wo man etwas her weiß und seit wann und wie viele Gespräche sich nur um eine Art “Datenabgleich” drehen – das was nicht deckungsgleich ist, ist dann quasi die Information mit Neuigkeitswert, Relevanz, Informationscharakter

    Und? Wie oft ist das so?

    Nicht dass der Eindruck entsteht ich hätte ne Extremmeinung ;-) Ich sehe das durchaus eigentlich wie ihr 2 – aber Hand aufs Herz: Mir geht’s eigentlich ständig aus genannten Gründen auf den Sack.

  3. PS: cool André – bei dir lief grade Shades Apart!

  4. Kleiner Nachtrag noch: Meinen VZ Account habe ich gerade gelöscht, bei Facebook habe ich meine Freunde auf die reduziert, die ich auch wirklich kenne und bei Twitter habe ich die größten Plaudertaschen ebenfalls rausgeworfen. Warum?

    Zum einen Teil wegen Eurer Meinungen hier (Danke!) und zum anderen wegen “You Are Not A Gadget” von Jaron Lanier. Da würde mich eure Meinung auch mal interessieren. ;-]

    Rinjehaun!

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