Buttgereit Retrospektive Filmmuseum Düsseldorf

28. Januar 2010 | Von andré | Kategorie: Kultur

In dieser Woche endet die Rückschau auf das Werk dieses vielleicht umstrittensten deutschen Filmemachers. Den gesamten Januar über zeigt die Black Box, das dem Filmmuseum angeschlossene Programmkino, die bisher umfangreichste Zusammenstellung seiner Werke.

Aus mehreren Gründen war ich auf diese Sache gespannt. Zum einen schien es mir interessant, wie ich selbst nach 20 Jahren auf Nekromantik reagieren würde. Seinerzeit war der Film ein Mythos, wer ihn gesehen hatte ein Eingeweihter. Das galt in besonderem Maß für die DDR, wo der Film noch sehr viel schwieriger zu beschaffen war. Wie sehr sich die Lage für Buttgereit geändert hat, kann man schon am Rahmen der Veranstaltungen erkennen. Ich meine, ein Filmmuseum? Früher undenkbar, da wurden diese Filme ausschließlich in subkulturellen Strukturen verteilt.

Ebenso neugierig war ich auf das Publikum und dessen Reaktionen. Im Umfeld der Black Box gibt es mehr als einen selbsternannten Filmkenner, ganz zu schweigen von gescheiterten kulturellen Existenzen, die vielleicht keinen Nagel in die Wand bekommen, dafür aber bei Selbstgesprächen ein Lexikon brauchen. Bisweilen bereitet es mir durchaus Vergnügen, verdrehten Interpretationen zu lauschen, besonders natürlich, wenn diese mit jener Leidenschaft vorgetragen werden, die nur erlangen kann, wer sich selbst zu tieferer Einsicht fähig hält. Dafür bieten Filme wie Nekromantik, Schramm oder der Todesking natürlich beste Voraussetzungen.

Und letztlich ist auch etwas von der Nervosität unseres Freundes Florian, der diese Reihe zu einem guten Teil organisiert hat, auf uns übergegangen. Würden genug Besucher kommen? Wie die Reaktionen wohl ausfallen? Zum einen möchte man den Regisseur ja nicht vor 3 desinteressierte Zuschauer setzten, die am Ende auch nur da wären, weil sie den Eintrittspreis für angemessen hielten, um damit zwei Stunden der Kälte zu entkommen. Außerdem hängt vom Gelingen einer solchen Veranstaltung selbstredend die weitere Planung ab. Wer einen Flop produziert, der darf vielleicht nicht so schnell wieder und soweit ich weiß, sind bereits interessante Dinge angedacht. Da wäre ein Misserfolg sehr schade.

Nun, es war alles andere als ein Fehlschlag, auch wenn die Besucherzahlen der Veranstaltungen ohne Buttgereit durchaus noch ausbaufähig gewesen wären. Aber, der Reihe nach.

Zum Auftakt war Jörg Buttgereit eigens aus Berlin angereist, um an einigen Veranstaltungen teilzunehmen. Eröffnet wurde mit Nekromantik, im Anschluß daran war eine Einführung in sein Werk durch den Filmwissenschaftler Daniel Kothenschulte und eine offene Diskussion geplant.

Damit können wir dann auch schon die aufgeworfenen Fragen beantworten. Ja, es war gut besucht und das Publikum bunt gemischt: Finsterlinge im Misfits-Outfit; Ex-Punkrocker, die seinerzeit eigens zur Premiere nach Berlin gereist sind [durch die DDR mit einem ebendort produzierten Fahrrad] und die willens waren, die Welt das wissen zu lassen; Kamelhaarmäntel; Brillen mit Halteband zum Umhängen; Hornbrillen; Nickelbrillen; Designerbrillen; Rollkragenpullover – einfach alle!

Wegen einer Zugverspätung stieß Buttgereit erst während der Vorstellung dazu, so das auch die einführenden Worte nach hinten gelegt worden. Die Atmosphäre war heiter, kleinere Pannen haben das nur gesteigert. Auch nach 20 Jahren pendelt Nekromatik in meinen Augen zwischen komisch, trashy und unappetitlich. Tiefere Regungen hatte ich keine. Der Film ist was er ist. Für mich gewinnen Buttgereits Filme erst im Kontrast mit seiner Persönlichkeit an Wert. Ich meine, da erwartet man ein zutiefst sinistres Wesen und was kommt? Ein Strahlemann – erfrischend und unkompliziert.

Nekrophilie, wie weit könnte man da ausholen? Ist der Begriff nicht sehr viel älter als seine sexuelle Konnotation? Ist das Wort nicht schon in der antiken Philosophie im Sinne von Todessehnsucht und Lebensverneinung gebraucht worden? Aber nein, das sollen andere machen. Der für mich spannende Teil begann nach dem Film. Daniel Kothenschulte übernahm zur Einführung und er machte das großartig. Ein wenig verhuscht vor dem Publikum sitzen, sprach er zunächst so schnell, dass man schier merken konnte, wie wenig die Worte seiner Begeisterung gewachsen waren. Wie schnell die Gedanken, wie unendlich langsam die Zunge dagegen. Vielleicht war er auch nur aufgeregt.

Ich mag Momente, in denen dem Fachmann diese oder jene Sequenz als Reminiszenz an ein filmhistorisches Werk deucht und der Regisseur dann sagt, ja aber genau das war eigentlich dem Nichtvorhandensein eines Budgets geschuldet. Sehr vergnüglich und sehr interessant! Dass die frühen Super 8 Filme und auch Nekromantik das Werk eines gleichermaßen zornigen wie enthusiastischen jungen Mannes waren, soviel kann man erkennen. Das auch die Enttäuschung über die Ablehnung an der Berliner Filmhochschule eine Rolle spielte, oder dass die frühe Industrialszene mit Bands wie Throbbing Gristle oder SPK ein Einfluss war, das waren mir neue, interessante Erkenntnisse. Wenn Buttgereit so erzählt, dann ergeben diese Dinge einen Sinn. Man versteht in etwa wie es gewesen sein muss. Und so wie er es erzählt, nimmt der Mann für sich ein. Keine Allüren, kein Dünkel – man merk viel mehr, hier spricht ein Nerd. Dieser Typ brennt für abseitige Filme. Er tut es auf eine Art, die ihn sympathisch macht.

Die Diskussion ging hernach noch eine gute Stunde, aber außer den erwarteten tiefsinnigen Fragen eines deutungshungrigen Kunststudentenpublikums ist nur noch die souveräne Art des Umgangs damit erwähnenswert. Manche Menschen wollen einfach ihren Mythos, selbst wen der dazu Ausersehene sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Ein netter Abend!

Am zweiten Tag, dem 09.01, war im Hauptprogramm ein Veranstaltung angesetzt, bei der Buttgereit gemeinsam mit dem befreundeten Regisseur Timo Gosejohann den Live-Audio-Kommentar zu einem seltenen, obskuren und absolut wahnwitzigen Türk-Ploitation-Superheldenfilm [Originalton] liefern sollten. Was könnte das wohl sein?

Nun, Buttgereit und Gosejohann sitzen unterstützt von einer sympathischen, jungen Turkologin auf der Bühne und sinnieren über gezeigten Film:

Für mich war das die erste Erfahrung dieser Art. Man ist zunächst bar erstaunt, was für Sachen in der Türkei allen ernstes produziert wurden. Offensichtlich haben dort weder Erwägungen zum Urheberrecht noch Ästhetische Fragen die Freude an der Sache getrübt.

Nach einer kurzen Einführung zum Thema kommentiert die Runde das Geschehen auf der Leinwand. Auch hier war wieder deutlich zu spüren, wie sehr die Protagonisten mit dem Herz bei der Sache sind.

Letztlich kann man ein solches Ereignis nur ungenügend in Worte kleiden. Ich habe mich deshalb entschlossen, hier einen kurzen Mitschnitt zu veröffentlichen. Die Aufnahmen sind nicht so toll, ich hatte nur ein einfaches Diktiergerät, für einen ersten Eindruck sollte es indes reichen.

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Das Wochenende klang danach im Salon des Amateurs aus. Auf einer kleinen Party sollte unter anderem auch Jörg Buttgereit Platten auflegen und damit mal völlig andere Qualitäten beweisen. Vom Salon hört man, es sei der angesagte Club für elektronische Musik aller Art. Fast wird der Name mit Erfurcht geflüstert und der ein oder andere, der dort den DJ geben darf, hält dies für den Ritterschlag, die höchste erreichbare Auszeichnung in dieser Kategorie. Aus dem Grund hatte ich etwas total stylisches erwartet. Ihr wisst schon, gedämpftes Flüstern von gut aussehenden Menschen und so. Alles gar nicht wahr, der Salon ist ein netter Laden von heruntergekommenen Chic und drinnen waren ganz normale Leute, ein großer Raum, eine Theke, ein paar Sitzgelegenheiten – nettes Ambiente für den Abschluss.

Ich kann nicht berichten welche Höhen die Party erreichte, es soll bis 3:00 Morgens gegangen sein. Da ich mich aber in einem Alter befinde, in dem mir das herumsitzen unter Hipsters nichts mehr bedeutet, bzw. einfache physische Erfordernisse den Tagesablauf bestimmen, sind wir noch vor dem eigentlichen Start gegangen.

Bis Ende dieser Woche laufen noch einige Filme in der Black Box. Danach wird man sie in diesem Rahmen und in dieser Dichte wohl so schnell nicht wieder sehen. Schade eigentlich!

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